tammam kahil

Tammam Kahil, Syrien. Wohnort heute: Celle

Der Blick geht nur nach vorne

Tammam Kahil ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet, diesem Bürgerkrieg, der dank Einmischung von außen endlos weiterzugehen scheint – im Norden des Landes auch mit deutschen Panzern.

Einen Monat und einen Tag dauerte die Flucht von Tammam Kahil. Die Stationen seiner Reise, die Gedanken, Ängste und Hoffnungen, tippte er in dieser Zeit in ein altes Mobiltelefon. In Deutschland schrieb er dieses Tagebuch der Flucht dann ab, um es zu sichern. Der Journalist hat daraus einen zehn Seiten langen Text geschrieben, den er „Der letzte Abschied“ genannt hat.

Ein Wintertag in Celle, eine Wohnung in Bahnhofsnähe. Seit September wohnt Tammam Kahil hier zusammen mit seinem Cousin Karam Kasem, der in Syrien als Tierarzt und Dozent gearbeitet hat und mit dem er zusammen geflohen ist. Drei Sofas füllen das Wohnzimmer, im Fernseher läuft ein Ski-Rennen, mit Untertiteln auf Deutsch. „Das ist gutes Training“, sagt Karam Kasem, dann lacht er, zeigt auf den Fernseher, jetzt kommt Bobfahren, Kasem mag den Sport. Reden sie hier oft über die Flucht? „Wir schauen nach vorne“, sagt Tammam Kahil. Außerdem gäbe es ja viel zu tun, sie treffen Leute, machen Deutschkurse, so viel Zeit bleibt da gar nicht für die Gedanken an früher. Es sei paradox: „Wir haben unser Ziel erreicht, gleichzeitig haben wir unsere Emotionen vergraben“, sagt Tammam Kahil. Bei manchen Nachfragen zur Flucht zeigt er auf die ausgedruckten Fluchtnotizen, die er dem Gast gleich zu Beginn gegeben hat. Da stehe ja alles drin, die ganze Flucht. Kahil will lieber über das Ankommen reden – oder über die Gründe des Weggehens.

Aus dem Bürgerkrieg ist längst ein Stellvertreterkrieg geworden

Aus friedlichen Demonstrationen im Jahr 2011 wurde in Syrien ein komplizierter Krieg, dazu kamen Angriffe von Gruppen wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS) oder Al-Nusra. 2014 griff eine Militärkoalition unter Führung der USA und einiger arabischer Staaten in den Krieg ein, sie bombardierten Ziele des IS. Ein Jahr später wurde Russland Kriegspartei. Seit 2016 kämpft auch die Türkei in Syrien, erst im Januar startete das Militär eine Offensive gegen die kurdische Miliz YPG in Nordsyrien – nicht zuletzt auch mit deutschen Leopard-2A4-Panzern. Aus dem Bürgerkrieg ist also längst ein Stellvertreterkrieg geworden.

Der Krieg, dessen Todesgefahr an sich ein Fluchtgrund ist, führt zu weiteren Fluchtursachen, zu humanitären Missständen, zur Zerstörung von Lebensraum, zum Verlust vom Zugang zu Wasser und Lebensmitteln, zu Ernteausfällen, wirtschaftlichem Stillstand. Auch der sogenannte Westen der Welt hilft zwar über Notprogramme, gleichzeitig sorgten aber Sanktionen für den Zusammenbruch der Wirtschaft, UN-Resolutionen verpuffen. Und in diesem Bürgerkrieg sterben Menschen durch deutsche Waffen.

syrische fluechtlinge Ein Bürgerkrieg endet irgendwann, weil eine Seite gewinnt. In Syrien ist kein Ende absehbar. Laut eines Berichts des UNHCR waren 2016 von den (vor dem Krieg) rund 21 Millionen Syrern rund 11,8 Millionen auf der Flucht, 6,3 Millionen davon innerhalb Syriens. Allein im Nachbarland Libanon leben heute mindestens eine Millionen syrische Flüchtlinge. Nach vorsichtigen Schätzungen sind in dem Krieg bislang mindestens 300.000 Menschen gestorben, unzählige wurden verletzt und traumatisiert.

Deutschland war nie das Ziel der Flucht

Tammam Kahil ist in Salamiyya aufgewachsen, in einer Lehrerfamilie mit zwei Schwestern. Die Kleinstadt liegt nordöstlich der Stadt Homs, der ehemaligen Rebellenhochburg, die heute fast vollständig zerstört ist. Das Meer ist keine 100 Kilometer entfernt. In Damaskus hat Kahil erst Jura studiert, dann ab 2006 Journalismus, hat für verschiedene Agenturen und für die Aga-Khan-Stiftung und nebenbei im Fitnessstudio gearbeitet.

Wenn man die Bilder vom Krieg in Syrien in deutschen Nachrichten kennt, diesen Bruchteil des Leids, mag man einen Menschen wie Tammam Kahil kaum fragen, warum er denn geflohen ist. Trotzdem, warum die Flucht im Sommer 2015?
Deutschland war nie ein Ziel, Auswandern nie ein Thema für den Syrer. „Das Leben in Syrien war nicht schlecht“, sagt Kahil. Aber eben auch nicht gut. Man konnte eine Wohnung haben, ein Auto, Hobbys, Spaß – aber seine Meinung, die konnte man auch vor dem Krieg nicht äußern. Im Krieg wurde dann alles schlimmer. Seine Heimat Salamiyya lag lange zwischen den Gebieten der Rebellen und der syrischen Armee. Tammam Kahil klappt sein Laptop auf, klickt auf einen Ordner mit Videos. Er zupft an seinem Kinnbart, überlegt, und zeigt dann ein Video. Man sieht Wände, deren Beton an vielen Stellen weggesprengt ist, gehalten noch von Stahlgittern, durch die Sonnenlicht strömt. Tische, Stühle, Regale, Sessel, alles ist von Splittern durchlöchert. Tammam Kahil hat das Video vor der Flucht gedreht. Es sind die Reste seiner Wohnung.

Tammam und CousinIm August 2015 hält er es dort nicht mehr aus. Über die syrische Hauptstadt Damaskus geht es mit dem Cousin in den Libanon, mit dem Boot in die Türkei. Kahil versteckt sich in Maisfeldern, robbt über Disteln, und muss immer wieder von vorne anfangen. Aus der Türkei soll es in den Westen gehen, erst über Izmir auf dem Seeweg, in einem zweiten Versuch über die Stadt Edirne und dann weiter auf der Balkanroute – doch schon am türkischen Grenzzaun ist Schluss.

Der nächste Versuch. Tammam Kahil ist mit dem Cousin und 50 anderen Menschen auf der Ladefläche eines Transporters eingepfercht, zwei Stunden steht er auf einem Bein, so eng ist es. Weil die Polizei kommt, schickt der Fahrer die Flüchtlinge in einen Wald. Und auch der nächste Fluchtversuch endet in einem Waldstück nahe der türkischen Küste.

„Wir versuchten so sehr, den Kindern zu helfen, an das Ufer zu gelangen“

Danach setzen sich Kahil und sein Cousin zu vielen anderen in ein Schlauchboot, es füllt sich direkt nach dem Start mit Wasser, weil es zu voll beladen ist. Die Schlepper klauen derweil das Gepäck. Das Boot landet wieder an, die Flüchtlinge schlafen am Strand und versuchen es am nächsten Tag erneut. An diesem 9. September 2015 fährt das Boot auf das Meer. Als sie schon weit draußen sind, tritt Wasser ein, das Boot sinkt. „Wir versuchten so sehr, den Kindern zu helfen, an das Ufer zu gelangen“, so schreibt es Tammam Kahil in seinen Fluchtaufzeichnungen.Viele haben es nicht geschafft.
Trotz dieser Tragödie versuchen es die beiden Cousins ein paar Tage später erneut. Sie schaffen es, gerade so, erreichen eine griechische Insel, fahren nach Athen und dann an die mazedonische Grenze. Danach geht es über Serbien und Kroatien und dann Ungarn nach Österreich. Und am 20. September 2015 erreichen die beiden Deutschland, das Land „von Gesetz und Meinungsfreiheit“, wie es Kahil im Gespräch öfter nennt. Die Familien von Tammam Kahil und Karam Kasem wohnen bis heute in Syrien. Die Männer wurden liberal erzogen, die Eltern verstanden den Wunsch der beiden, woanders ein neues Leben zu beginnen. Sie haben heute fast täglich Kontakt – und jeden Tag Angst um die Zurückgebliebenen.

Ein Mittel gegen die Angst ist der Blick nach vorn. Tammam Kahil hilft ehrenamtlich einige Stunden in der Woche in einem Pflegeheim. „Ich will etwas zurückgeben“, sagt er. Er freut sich aber auch über den Austausch, über die Fragen der Bewohner, wie es ihm geht, ob er Familie hat. Manche der Älteren könnten seine Flucht vielleicht besser verstehen als die Jungen, weil sie selbst einen Krieg erlebt haben. Dass er in dem Pflegeheim beliebt ist, das kann man sich vorstellen, die offene Art, die wachen, freundlichen Augen, der Journalist gäbe auch einen guten Altenpfleger. Das soll aber freiwillig bleiben. Er will bleiben, so war auch ein Artikel über Kahil in der Celleschen Zeitung überschrieben, bei der er ein Praktikum gemacht hat.

„Wir sind Realität“, sagt Tammam Kahil

Auch heute fliehen weiter Tausende Syrer vor dem Krieg. Oder sie verlassen die Flüchtlingslager in der Region, weil sie im Elend dort keine Hoffnung sehen, bald in die nahe Heimat zurückzukehren. Doch der Weg nach Europa wird immer schwieriger. Im Jahr 2016 haben 266.250 Syrer einen Erstantrag auf Asyl in Deutschland gestellt. Im Vorjahr waren es noch rund 49.000. Die Balkanroute ist dichter geworden, die Festung Europa hat das Tor fast ganz hochgezogen. Aber: „Wir sind Realität“, sagt Tammam Kahil. Und das sollen die Leute in Celle auch ruhig sehen. Zwei Tage vor der Bundestagswahl haben die Cousins gemeinsam mit anderen syrischen Flüchtlingen in der Innenstadt Blumen und Schokolade verteilt. Um den Hals trugen sie ein DIN-A4-Blatt in einer Klarsichthülle, darauf stand: „Flüchtlinge in Deutschland – Ja, wir schaffen das“, auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Es gab viel Zuspruch, manche Passanten zeigten aber auch offene Ablehnung. Für Kahil ist das schade, aber eben auch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Es ist eines der Rechte, weswegen er nach Deutschland gekommen ist.

Kahil hat das Erstarken der sogenannten Alternative für Deutschland beobachtet, seitdem er hier lebt. Deren Aufkommen habe sicher etwas mit den Flüchtlingen zu tun, mit den Ängsten der Menschen. Auch deswegen geht er so offensiv nach Außen, nimmt jede Gelegenheit eines Gespräches an, auch wenn ihm manchmal noch eine Vokabel fehlt.

Drei Briefe schon hat er an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben. Es sind weder reine Dankesschreiben noch sind es Vorwürfe, die Bundesregierung mache zu wenig für eine Lösung des Krieges. Er hat dem ersten Brief seine Geschichte angehängt, und auch in den weiteren Angeboten, Angela Merkel zu erklären, was Flucht und Ankommen für einen Menschen bedeutet. Auch ein Treffen hat er Merkel angeboten, was ihr Büro mit dem Hinweis auf den Terminkalender abgelehnt hat. „Ich schreibe weiter“, sagt Kahil. Er lacht, aber es ist ihm Ernst. Er will den Menschen hier bis zur Bundeskanzlerin zeigen, dass er gute Gründe für seine Flucht hatte - und wie man die Zeit nach der Flucht gemeinsam gestaltet.

Text: Gerd Schild