Lange erinnerte die Diskussion um den Höhepunkt der globalen Förderung unserer wichtigsten Ressource - das Erdöl - ein wenig "an die Zeugen Jehovas", wie die Kritiker höhnten. Man schaute in die Zukunft und spekulierte, wann die Ölförderung den Gipfel erreichen und wann sie abstürzen wird.

Inzwischen können wir den ersten Teil der Frage beantworten: Peak Oil ist jetzt! Die Ölfelder auf unserer Erde werden nie mehr so viel Öl hergeben wie in der historischen Phase von 2005 bis 2012. Dafür existieren inzwischen genug Belege. Schon im Energy-Outlook 2010 hatte die notorisch überoptimistische Internationale Energieagentur IEA einen für ihre Verhältnisse sensationellen Schwenk vollzogen. Fast nebenbei stellte die wichtigste internationale Energiebehörde fest, dass die weltweite Ölförderung von "normalem" Öl im Jahr 2006 ihren Höhepunkt überschritten hat.

Sieht man sich die von der deutschen Energy-Watch-Group vorgelegten Produktionszahlen an, erkennt man, dass die Förderung seit 2005 auf einem Plateau von rund 73 Millionen Fass (Barrel) Tagesproduktion stagniert. Obwohl der Ölpreis von 2005 bis heute jährlich um 15 Prozent gestiegen ist, gingen die zuvor fast naturgesetzlich wachsenden Produktionszahlen nicht mehr nach oben. Die eherne Marktregel, dass steigende Preise das Angebot erhöhen, ist ausgehebelt. Was ist passiert? Die Produktion lässt sich offenbar nicht weiter erhöhen, weil alle schon am Anschlag pumpen.

Das renommierte Wissenschaftsmagazin Nature hat diesen Befund bestätigt. In einer langen Analyse legen sich die Autoren James Murray und David King, beides geologische Experten hoher Gnaden, eindeutig fest: "Oils tipping point has passed" – das Fördermaximum liegt hinter uns. Hinter dieser nüchternen Überschrift verbirgt sich ein gewaltiger Umbruch für die Menschheit, und doch wird es noch Jahre dauern, bis dieser Wendepunkt unserer Energieversorgung die Köpfe wirklich erreicht hat. Es ist ein simples Naturgesetz. So wie die Erde rund und keine Scheibe ist, so beschreibt die Ausbeutung einer Ölquelle eine Glockenkurve. Die Förderung steigt langsam an, erreicht irgendwann einen Höhepunkt (Peak) und geht dann wieder zurück. (…)

Die große Frage: Wann ist das Ende des gegenwärtigen Plateaus erreicht und wann wird die Förderung nicht nur stagnieren, sondern tatsächlich abstürzen. Und um wie viel Prozent pro Jahr? Zwei Prozent sagen die Optimisten, sechs Prozent die Pessimisten. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass die Weltgemeinschaft mit dem allmählichen und dann immer schnelleren Wegbrechen ihrer wichtigsten Energiequelle gewaltige Probleme bekommt. Und dass es ein Wunder wäre, wenn sich das derzeitige Plateau noch länger als ein, zwei Jahre halten ließe. Natürlich wird dann der Biosprit angekurbelt, Kohle verflüssigt, die Autoflotte verstärkt auf Gas und Elektro umgestellt. Wir werden andere Autos haben, uns aktiver bewegen per Rad und zu Fuß.

Wie elastisch und wie intelligent wir auf den Anfang vom Ende des Öls reagieren, ist das spannende Thema. Peak Oil bringt die Chance für eine echte Klima- und Energiewende. Ob wir wollen oder nicht.

Quelle: www.taz.de/!87093/ "Peak Oil ist jetzt." Kommentar von Manfred Kriener vom 06.02.2012